Karlsruhe, den 26. Dezember 2002

Hallo !

Auch wenn etwas Zeit ins Land gegangen ist, will ich bei der Fortsetzung meiner länglichen Laufberichte bleiben. Über Weihnachten hatte ich jetzt die Muse, den Text zu Ende zu schreiben.

Nach dem Anfang in Karlsruhe ermunterte mich die Perfektionierung in Hamburg zu einem weiteren 26,2-Meilenlauf.
Ein trainierenswertes Ziel ließ sich schnell in der Bundeshauptstadt lokalisieren. Vor Hamburg (17.000) erreicht Berlin die größte Teilnehmerschar (25.000). Nach der großen menschlichen Kulisse beim Lauf lädt eine bauliche und kulturelle Kulisse zum Bleiben ein. Eine Marathonreise mit Kurzurlaub wurde so für den 29. September und die Folgetage vorgesehen.
Ursprünglich sollte dort von meinem Verein für die im Rahmen des Laufes ausgetragene Deutsche Meisterschaft im Marathon eine Herrenriege an den Start. Die besten drei Zeiten der beim DLV (also nicht dem Veranstalter) vom Verein gemeldeten Läufer werden in ihren Bruttozeiten addiert (vom Championchip hat das Funktionärssystem des DLV noch nichts gehört). So war auch ein sportliches Ziel definierbar: Eine sehr gute Mannschaftszeit sollte zustande kommen. Für meinen Teil sollte das ein Lauf unter "4er"-Schnitt (4min/km = 2:48:47 auf Marathon) werden.
Das Training ließ sich gut an. Eine immer laufbegeisterte Freundin mit ihrem genauso laufbegeisterten Vierbeiner ließen auch längere Einheiten nicht öde werden. Wegen dem schnupperbereiten Schnauzentier mußten zwar kürzere Pausen in Kauf genommen werden, doch hielt er gut mit. Da der Hund aber nicht auf Marathon trainieren sollte und wollte, waren nach einem Stück zu Dritt dann doch die laufverrückten Zweibeiner unter sich.
Meine Freundin war sehr lange Läufe zunächst nicht gewohnt, deshalb beließ sie es klugerweise bei unter 30km bewenden und steigerte sich erst später. Ein planmäßiger Anstieg in Stufen ist sinnvoll, um den Körper ohne Probleme anzupassen. Doch mein Ehrgeiz war groß, so machte ich denn aus Überschwang noch Tempoläufe nach dem gemeinsamen Teil. Mein längster Lauf kulminierte diesmal in 43km und 3 Stunden 41 Minuten über den Wattkopf.
Zum ersten Mal lagen meine Gesamtkilometerleistungen sechs Wochen lang über 100km. Kurz vor dem Karlsruhe Halbmarathon gelang mir dann auch die erhoffte neue 10km-Bestzeit (36:12), so daß ich mich gewappnet fühlte. Am 15.9 beim Halbmarathon der Fächerstadt sagten dann aber die Beine schon kurz nach der Kurve bei der Europahalle „Gute Nacht“. Immerhin wurde ich so von meinem Körper von Anfang richtig instruiert, dass es nicht „gut laufen“ würde. Ein Infekt hatte sich eingeschlichen. Die Kilometerumfänge mögen ihren Teil beigetragen haben, dass das Immunsystem nicht schnell mit dem Ärgernis fertig wurde. Ruhetage hatte ich genügend eingelegt !
Ganz offensichtlich mußte dieser Lauf ohne neue Bestmarke von mir auskommen. Das Wetter war trotzdem schön, so entschied ich mich denn auch trotz Ermattung durchzulaufen. Der Sand im Getriebe manifestierte sich natürlich in der Zeit (1:20:51), die nicht meinen Vorstellungen entsprach. So rannte dann auch meine Vereinsmannschaft als Vierte 29 Sekunden von den Karlsruher Lemmingen geschlagen an der Majolika-Kachel vorbei.

Die zwei Wochen bis zum Großereignis war kein rechtes Training mehr möglich. Die Erkältung startete eine Verhinderungskampagne, so dass ich gerade noch zu einer Handvoll Läufe kam. Ein Tritt in eine Mulde bei einem eher nächtlichen Tempolauf ließen auch noch den letzten langen Lauf wegen einem dicken Knöchel ausfallen.
Für den Samstag, den Tag vor dem Berliner Massenrudelwatscheltag, war die Anreise geplant. Am Bahn-Schalter waren wir bemüht auf unsere Bahncards hinzuweisen, doch wie so oft hatte die Bahn noch etwas in petto: Es gibt ein selbst dem Online-Rechner bahn.de unbekanntes Berlin-Spezial, das billiger kommt ! Dennoch hätte die Autofahrt den Geldbeutel mehr geschont (115 Euro kostete die Bahnfahrt Hin und Retour). 

Grunewald, umgeben von Villen, konnten wir in den Erholtagen nach dem Marathon nur beobachtet von den Villenkameras sehr gemütliche Regenerationsübungen unternehmen. Der Stadtteil mit viel herbstlichem Grün, prächtigen Häusern und ohne viele lästige Großstraßen versprach Ruhe. Doch hatten wir in unsere Rechnung nicht die Bauweise eines Studentenwohnheims und die Lebensweise der Weltstudentenschaft einbezogen. Duschen um 3 Uhr nachts scheint ein weitverbreites Hobby, Holländer und Amerikaner nutzen gerne die Nacht und sind erst gegen 6 Uhr morgens wieder alle in den Betten vereint.
Das Frühstücksbuffet dort sah uns erst die nächsten Tage. Die Kalorienzufuhr vom Vortag sollte reichen. Zusammen mit einem Vereinskollegen und dessen Frau hatten wir bei einem Italiener gegessen. Akribisch hatte Klaus die Strecke mit einem der schweren Bahnleihräder abgefahren und erläuterte uns die Streckendetails. Wichtig schien allen vor allem, den „Berg“ bei km 35 ernst zu nehmen. Da der Anstieg zu diesem höchsten Punkt aber sehr langsam erfolgt, wird ein Hügelläufer diesen „Berg“ als nette Formalie abhaken.

Nach immerhin drei Stunden Schlaf in den erwähnten Verhältnissen rückte die Stunde des Starts in greifbare Nähe. Mit den präparierten Kleiderbeuteln ging es mit dem Bus zum Startbereich. Von allen Seiten strömten Massen zusammen. Am Bahnhof Zoo machte sich bereits ein größeres morgendliches Bedürfnis bei mir kund. Der Blick zu den Toiletten war entsetzlich ernüchternd, lange Schlangen aus den Erleichterungsanlagen ließen keinen Zweifel. In der sicheren Meinung, Frechheit könne siegen, suchte ich bei auf den letzten Metern zum Start gelegenen Restaurants um Einlaß. Deren Öffnungsschilder wiesen zwar auf Offenheit hin, die verschlossenen Türen deuteten mir etwas Anderes. Man kennt das Phänomen Marathon samt seinen Begleiterscheinungen in Berlin ! Letzte Rettung verhießen die Dixies, die doch wohl bei 33.000 erwarteten Startern ausreichend vorhanden sein müssten. Hunderte von Männern und Frauen, die im Startbereich die Technische Uni voll urinierten, weckten erste Verdachtsmomente. Die Völkerscharen vor der überschaubaren Menge an Behelfsklos vernichtete uns die Startaufstellung, dass war uns beiden klar. Obschon mehr als eine Halbestunde vor diesen Toiletten noch Zeit war, fand ich später nur durch einen Sprung über die Absperrung noch 10 Meter vor der Startlinie Platz. Kirsten musste gar von hinten laufen.
Selbst Deutschlands größte Straßen bieten bei einem Massenstart von über 26.000 tatsächlich erschienenen Läufern ungenügend Freiheit für den einzelnen, zumal wenn er die Karlsruher Idylle dagegen kennt. Auf Fußgängerwegen ließ sich wenigstens seitlich überholen. Auf der Straße selbst war ein Stop-and-go-Verkehr, die Leute ruderten mal nach links, dann nach rechts - chaotisch. Nach 5 Kilometern wusste ich zudem, dass die Erkältung noch nicht ausgestanden war. Nicht alles, was sich in meiner Lunge bewegte, war leicht wie Gas. So drosselte ich danach das Tempo, um das Primärziel anzukommen zu gewährleisten. Die Marathonreise führt durch praktisch ganz Berlin. Nach dem Start am Ernst-Reuter-Platz, dem Weg zur Siegessäule, Unter den Linden, kommt man in die Nähe vom Alex, um dort nach Süden abzubiegen. Im Süden beginnt allmählich Grün um den Weg eine Rolle zu spielen, in Grunewald bei den 30er Kilometern wird die Strecke echt schön. Einige Kapellen am Straßenrand erheitern die müden Kämpfer. Auf den letzten Kilometern auf dem Kurfürstendamm herrscht eine ohrenbetäubende Stimmung. Dort kreischen Trätschen, die man eher im Schwarzwald vermutet, und jeder wird angefeuert. Den Kilometer 41 auf 42 schaffte ich damit in 3:45min und flog vor den vielen Zuschauern an den abgekämpften Gestalten vorbei. Immerhin in 2:57 hatte ich den touristischen Langen Lauf beendet. Kirsten lief noch eine 3:29 und war damit auch zufrieden, obwohl sie bei anderer Startposition wohl 10 Minuten schneller gewesen wäre.
Im Ziel wurde man sofort ordentlich in Plastikplanen eingetütet. Der eigentliche Grund, warum auf den Startnummern japanische Lettern zu sehen waren, lächelte mir von der Tribüne entgegen. Das Phänomen Naoko Takahashi hatte wieder zugeschlagen. Die erste japanische Olympiasiegerin – und das auch noch im so beliebten Ausdauersport. Sieben Marathons hat die Dame gelaufen, 6 gewonnen. In Tokio vier Wochen später wollte sie auch noch entgegen sportmedizinischer Vernunft an den Start, dummerweise erlitt sie einen Ermüdungsbruch. Nachdem ein ob seiner Aufgabe enttäuschter Japaner mittleren Alters begonnen hatte, mich vollzuquatschen und ich ihn lange mit einem höflichen japanischen Lächeln versehen hatte, flüchtete ich zu den langen Schlangen vor den Massagebänken, um dort auf Kirsten zu warten. Auf dem Weg dorthin kam mir eine längst geduschte Gruppe afrikanischer Spargel entgegen. Die meisten deutlich kleiner als ich, trugen sie Sporttaschen, die fast ihre eigene Größe hatten. Ihre Blicke wirkten schon etwas verwundert, als sie die triefenden, vergleichsweise massigen Weißgesichter im Einlaufkanal betrachteten. Die Beobachtung der Finisher gehört sicher zum Interessantesten. Wie abgekämpft etliche ins Ziel wanken, lässt schaudern. Bei meiner Sitzposition achtete ich stets darauf, keinem Bahrenträger im Wege zu sein. Zwar gab es diesmal in Berlin nur runde 80 Einlieferungen ins Krankenhaus, von denen viele Skater waren, die bei Massenstürzen an den Zeitnahmematten aus dem Rennen geworfen wurden. Doch auch diesmal starb ein Läufer, der als ehrgeiziger Manager einer Bierbrauerei drei Wochen nach seinem letzten Marathon eine neue tolle Bestzeit wollte. Die Rekonstruktion der Ereignisse endet mit dem Herz- und Kreislaufversagen einen Kilometer vor dem Zielstrich.

Die Folgetage machte sich bemerkbar, dass ich während des Laufs partout nichts aufnehmen konnte. Logischerweise konnte ich mich so nicht geeignet remineralisieren. Meine steifen, verkaterten Beine gestalteten die Wanderungen in Sanssouci („ohne Sorge“- wie höhnisch) mühsam. Kirsten hatte keine solchen Probleme. Etwas zynisch in diesem Zusammenhang erschien auch die Einladung in den „Tanztempel“ Metropol am Lauftagabend. Um 23 Uhr sollte dort noch einmal eine Präsentation der Sieger sein. Vor dem Metropol konnte man schon die vollständigen Ergebnislisten erwerben. Nach einer Samba-Tanzeinlage von Ronaldo da Costa, der vor Jahren mit 2:06:05 eine Weltbestzeit in Berlin lief (und danach Handstand auf dem Podest machte), gab es die Spargelprämierung. Naoko grinste wieder umwerfend. Im Spitzensport hatten unsere Landsleute nur bei den Behinderten noch Chancen.
In den nächsten Tagen linderte der Anblick vieler, viel stärker wankender Gestalten sehr meinen Kater. Besonders nett anzuschauen war eine humpelnde junge Frau, die noch stolz auf dem Pullover ihre Finisher-Medaille erklärend mit sich trug.
Vor Überraschungen beim Marathon ist man nie gefeit. Da ich in Hamburg keine Probleme hatte, hatte ich auch an keine in Berlin geglaubt. Die Vorbereitung im Sommer mit schweißlastigen langen Läufen in der Hitze macht mir nicht so viel Spaß, wie bei milden Temperaturen im Frühjahr. Deshalb werde ich in Zukunft von Herbstmarathons viel eher die Finger lassen.
Speziell in Berlin missfiel mir arg der Simultanstart einer so großen Masse. Erst auf den späten 30er Kilometern musste ich nicht mehr abbrechen, wenn sich das Volk mal verdichtete oder verlangsamte. In Hamburg kann man durch den dreimal zeitversetzten Start von Anfang an recht frei laufen. Zudem sind Nuckelflaschen so teuer nicht, sonst könnten sie nicht in Paris und Hamburg zum Einsatz kommen. In Berlin war man immer latschigen Pappbecherchen ausgeliefert.
Mittlerweile habe ich den Marathon als Disziplin voll akzeptiert. Einen Marathon pro Jahr zu bestreiten scheint mir möglich. Das alte und nächste Ziel heißt Hamburg.

Viele Grüsse
Ortwin