„Das schönste Ziel in dieser Welt ist Schmiedefeld!“
-Bericht vom 36. GutsMuths- Rennsteiglauf, Supermarathon 72,2km am 17.5.2008-

Freitagnachmittags gegen 17.00 Uhr komme ich in Schmiedefeld am Rennsteig an. Sofort bin ich gefangen von der Atmosphäre. Der Sportplatz ist wunderschön gelegen, die Läufer treffen nach und nach ein, Wohnmobile werden rangiert, Zelte aufgebaut. Spannung liegt in der Luft. Man begrüßt sich, sieht bekannte Gesichter.
In aller Ruhe trinke ich erstmal einen Kaffee und mache mich dann mit Schlafsack, Isomatte und Rucksack bepackt auf den Weg ins Dorf zur Bushaltestelle. Um 19.00 Uhr geht es dann mit dem Shuttle-Bus nach Eisenach, dem Startort. Die Fahrt dauert beeindruckend lang und wir sehen den Großen Inselsberg, der mit 913m einer der höchsten Streckenpunkte ist. Um 20.30 Uhr sind wir in Eisenach am Marktplatz, wo morgen früh um 6.00 Uhr der Startschuss fallen wird. Manfred und Markus aus Berlin nehmen mich Neuling „unter ihre Fittiche“. Gemeinsam holen wir unsere Startunterlagen ab, stärken uns noch mit den obligatorischen Thüringer Klößen und machen uns auf den Weg zum Elisabeth-Gymnasium, dem Gemeinschaftsquartier, das bereits gut belegt ist. Im Kunstraum finden wir Platz und richten uns für die Nacht ein. Wir sitzen dann noch ein bisschen auf dem Schulhof mit anderen Läufern zusammen. Es zeigt sich, dass viele schon sehr erfahren sind und zum Teil 25 - 35 Starts vorweisen können. Nach vielen guten Ratschlägen („Mach bloß langsam bis zum Inselsberg!“, „Den Haferschleim, den musst du nehmen, der gibt Kraft!“, „…und zum Schluss ein Schluck Schwarzbier!“, …), gehe ich zu meinem Schlafplatz, wo schon kräftig geschnarcht wird.
Viel Schlaf finde ich nicht, das habe ich aber auch nicht erwartet.
Um 4.00 Uhr geht der Wecker. Nach einem kleinen Frühstück fahre ich mit dem Shuttle zum Start. Auch dort treffe ich wieder Bekannte, Michael und Klaus von den „Memlern“, die mich auf meinem langen Vorbereitungslauf über Moosbronn (39km) begleitet haben. Die letzten Vorbereitungen werden getroffen, Gepäckabgabe, etc… Über uns kreist ein Hubschrauber vom MDR. Um 5.50 Uhr wird das Rennsteiglied gespielt. So langsam reihen wir uns ein. Ca. 1800 Läufer sind am Start. Die letzten guten Wünsche, dann gibt der Bürgermeister den Startschuss. Gänsehautgefühl!
Nach einem kurzen Stück durch die Stadt geht es gleich den Berg hoch. Ich fühle mich gut und genieße es endlich unterwegs zu sein.
Die ersten Kilometer geht es nur sehr langsam und immer wieder stockend voran, da es stellenweise recht eng ist. Aber niemand drängelt, keiner hat es besonders eilig, alle scheinen Respekt zu haben vor dem, was noch kommt. Die Stimmung ist gut, es wird viel gescherzt und gelacht. Ab Km 3 läuft es dann endlich flüssiger. Ich versuche einen lockeren, leichten Rhythmus zu finden. Nach 5 km ist der erste knackige Anstieg geschafft, vor dem mich viele gewarnt haben. Der war doch gar nicht so schlimm, denke ich. Leider zieht sich der Himmel jetzt immer weiter zu und tatsächlich fängt es nun auch kräftig an zu regnen. Ich hoffe, dass es nur ein Schauer ist, denn 9 Stunden im Regen zu laufen, …
Ja, 9 Stunden habe ich als ungefähre Zielzeit im Kopf, aber eigentlich ist dies eher unwichtig. In Würde ankommen, das ist das Ziel!
Bei Km 7,4 biegen wir auf den Rennsteigweg ein, dem wir nun bis nach Schmiedefeld folgen werden. Bis zum Großen Inselsberg (913Hm, Km 25) geht es nun stetig bergan. Die ganz steilen Stücke gehe ich in raschem Schritt, um Kraft zu sparen. Nach 2 Stunden und 57 min bin ich oben. Ich liege voll im Zeitplan (3 Stunden habe ich gerechnet) und es geht mir gut! Mittlerweile scheint auch wieder die Sonne. Nach einem unangenehmen extrem steilen Gefälle erreiche ich die Verpflegungsstelle Grenzwiese (Km 26,8), wo ich mich an meinen ersten Becher Haferschleim mit Heidelbeeren wage. Schmeckt erstaunlich lecker und tut richtig gut. Überhaupt sind diese Verpflegungsstelle Spitzenklasse! Es gibt alles, was das Ultraläuferherz begehrt: Wasser Cola, Biolimo, warmen Tee, Bier, Obst, Haferschleim in verschiedenen Geschmacksrichtungen, Suppe, Wurst- und Schmalzbrote, Würstchen, Toast, Powergel, Salz, etc… Und vor allem lauter gut gelaunte Helfer, die immer ein nettes und aufmunterndes Wort parat haben!
Von nun an geht es in ständigem Wechsel bergan und bergab, vorbei an vielen, schönen Aussichtspunkten. Ein Streckenposten ruft mir zu: „ 93. Frau!“ Das Wetter scheint gut zu bleiben und die Temperatur ist sehr angenehm.
Bei Km 35 komme ich dann aber doch etwas ins Grübeln, da meine Beine sich nach den vielen Steigungen inzwischen doch schon deutlich bemerkbar machen. Ich falle in ein kleines Tief und ein bisschen verlässt mich der Mut. Gerade mal die Hälfte ist geschafft. Mit gemischten Gefühlen erreiche ich die Station Ebertswiese (Km 37,5). Ich schnaufe ein bisschen durch, trinke einen Becher Suppe und einen mit Haferschleim und laufe weiter.
Kurze Zeit später sind alle Zweifel verflogen. Die Kräfte sind wieder da, die Beine tun nicht mehr weh und ich denke: „Bald sind es nur noch 30 km!“ Ich glaube das ist der Endorphinschub, ich bin wohl etwas „high“. Das kann doch nicht nur am Haferschleim liegen. Ungeahnte Kräfte werden frei und ich starte die Aufholjagd. Nach Km 40 treffe ich Friedbert vom LT Philippsburg. Freudige Begrüßung! Ich laufe ein Stück mit ihm, da ich weiß, dass er sehr erfahren ist. Bald ist es mir aber zu langsam und ich laufe weiter. („Hoffentlich muss er mich später nicht wieder einsammeln“, denke ich noch.) Aber ich glaube, ich muss es jetzt einfach laufen lassen. Später hole ich Steffi Krieg von der LG Muli ein, die ich vom Finama in Karlsruhe kenne. Nach und nach überhole ich immer mehr Läufer und Läuferinnen. Ich bin optimistisch und weiß: „Ich werde ankommen und deutlich unter 9 Stunden bleiben.“. Nichts kann mich jetzt noch aufhalten!
Nach 6 Stunden und 12 min bin ich in Oberhof (Km 54,7) und weiß: „Weniger als 20km!“ Ein bisschen Respekt habe ich noch, da ich weiß, dass der höchste Punkt der Strecke (Großer Beerberg, 970m, Km 61,5) erst noch kommt. Aber auch der geht unspektakulär  vorbei. Schon sind es nur noch 10 km und es geht bald überwiegend bergab. Kurz nach Schmücke (Km 64) holt mich Claudia aus Dortmund ein. Wir beschließen zusammen zu bleiben und machen uns gegenseitig Mut. Gemeinsam fluchen wir, wenn es wieder bergauf geht und abwärts machen wir noch mal richtig Tempo. Am letzten Getränkestand „dopen“ wir uns mit einem Schluck Schwarzbier und „brettern“ dann hinunter nach Schmiedefeld. Bald können wir den Stadionsprecher hören und kurz darauf sehen wir die ersten Häuser. Noch ein, zwei Ecken, dann liegt der Zieleinlauf vor uns. Durch ein unglaubliches Spalier von Menschen „fliegen“ wir durchs Ziel und fallen uns in die Arme!

…und die Zeit?
8 :16:10h, was aber nun wirklich nur eine schöne Nebensache ist.

Monika