Wie es ist 100 Meilen (...und ein bisschen mehr) zu laufen

Es gibt einen Wanderweg im Pfälzerwald vom Weintor in Schweigen-Rechtenbach an der französischen Grenze bis nach Bockenheim zum Haus der Deutschen Weinstraße. Für Wanderer ist er in 11 Tagesetappen aufgeteilt. Hier der Link zum Weg:
http://www.outdooractive.com/de/fernwanderweg/pfalz/pfaelzer-weinsteig-gesamtroute/11219679/


Die Strecke ist sehr schön, schlängelt sich über die vorderen Berge (zur Rheinbene hin), darunter die höchsten des Pfälzerwaldes wie der Kalmit und der Weinbiet, vorbei an vielen Burgen (Ruine Guttenberg, Trifels, Neuscharfeneck) und markanten Felsen wie dem Orensfels. Überwiegend bewegt man sich auf wunderschönen, kleinen, naturbelassenen Pfaden, die zum Teil sehr anspruchsvolle Steigungen haben und sehr steinig und wurzelig sind. Die Strecke ist durchgehend sehr gut markiert.
Durch die gute Anbindung an die Bahn ist es auch möglich nur Teilstücke zu wandern oder zu laufen, was ich in der Vorbereitung auf den Lauf sehr oft gemacht habe.
Am letzten Wochenende fand auf diesem Weg der Weinsteig-Ultratrail 100 Meilen statt (https://www.facebook.com/Pf%C3%A4lzer-Weinsteig-100-Meilen-Ultratrail-186798074846812/). Start am Weintor, Samstag morgens um 7 Uhr, ab da hatte man dann 34 Stunden Zeit um nach Obersülzen ins Ziel zu laufen. 158,5km auf dem Weinsteig und dann noch 9km Zubringer zum Zielort Obersülzen. Dazwischen ca. 167,5km, 5600 Höhenmeter und 6 Verpflegungsstationen, 4 unbemannte Wasserstationen und 3 Kontrolldosen, bei denen man sich in eine Liste eintragen musste, um Abkürzer zu vermeiden. Die Wetteraussichten waren gut, trocken, nicht zu kalt, tagsüber erst Nebel, dann Sonne, nachts klar und Vollmond.


Stimmungsvoller Start am Weintor, noch ist es dunkel

Ich stand motiviert am Start, freute mich, dass es endlich losging, war aber gleichzeitig noch voller Zweifel, ob ich es schaffen würde. Seit September letzten Jahres habe ich drei große Läufe aus unterschiedlichen Gründen abbrechen müssen. Unter anderem auch diesen Lauf. Ob es diesmal endlich wieder klappen würde, oder ob ich meinen "Biss" so etwas durchzustehen endgültig verloren habe?
Meine Taktik war beherzt loszulaufen, nicht zu schnell und nicht zu langsam, um ein gutes Zeitpolster auf die Cutoffs aufzubauen. Cutoff bedeutet, dass es an verschiedenen Punkten der Strecke ein Zeitlimit gibt. Kommt man später an, ist man aus dem Rennen. So hätte ich dann die Möglichkeit in der Nacht langsam zu machen und größtenteils nur zügig zu wandern, da die Strecke in der Nacht extrem schwierig zu laufen und die Sturzgefahr sehr hoch ist.
Das klappte auch sehr gut. Über die ersten Berge ging es locker hinweg, vorbei an Bad Bergzabern, der Burg Landeck, der Madenburg, dem Trifels, durch Annweiler und dann über die drei Berge bis zum Dernbacher Haus bei Kilometer 56, wo die 2.Verpflegungsstation war. Hier kam ich dann zwei Stunden vor dem Cutoff an, das war schonmal ein gutes Polster.

https://scontent-fra3-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/14705658_1129365637153427_2396530816161304873_n.jpg?oh=1b8da77f5acb172141c34c7d4e1922ab&oe=58922B09
VP2 Dernbacher Haus, entspanntes Päuschen 😁

Bis zur nächsten Verpflegungsstation in der Wappenschmiede bei St. Martin, direkt vor dem langen Anstieg zum Kalmit, waren es jetzt 28km. Zuerst hoch zum Orensfels, einem der schönsten Punkte der Strecke. Inzwischen war der Himmel tiefblau und die Fernsicht gigantisch. Vom Felsen aus lagen einem die letzten 20km der Strecke zu Füßen, ein Anblick von dem man sich regelrecht losreißen musste. Nun ein stetiges Auf-und-Ab, vorbei an der Landauer Hütte, Ruine Neuscharfeneck, Trifelsblick, St.Anna-Kapelle. Im Edenkobener Tal stand die erste Kontrolldose. Inzwischen war es dunkel geworden und ich machte mich bereit für die Nacht. Stirnlampe aufziehen, wärmeren Pulli an. Die Kontrolldose war gut zu finden, da sie mit mehrern Lämpchen gut gekennzeichnet war. Ich trug mich mit Namen und Uhrzeit in die Liste ein, aß noch schnell eine Kleinigkeit und weiter ging es.
Um 20.30 Uhr kam ich dann an der 3. Verpflegungsstation (VP) bei Km 84 an. Gut die Hälfte war geschafft und 3 1/2 Stunden auf das Cutoff gut gemacht. Die Gewissheit stieg es schaffen zu können.
Die Station war im Nebenraum des Restaurants Wappenschmiede untergebracht, wo es warm und gemütlich war. Hier zog ich frische und wärmere Sachen aus meinem Dropbag an. Ein Dropbag ist eine Tasche, die vom Veranstalter an vorher festgelegte Stationen gebracht wird. Dort hinein kann man Wechselkleidung, frische Schuhe, Batterien für Lampe und GPS-Gerät, Essensvorräte, etc., packen.
Die Auswahl an Essen und Getränken ließ keine Wünsche offen, so dass es gar nicht so einfach war, sich zu entscheiden. Ich aß eine große Kartoffel mit Quark und ein Stück Kuchen und riss mich dann los.


VP3, Restaurant Wappenschmiede, St.Martin, Km 84

Wir waren nun ein Grüppchen aus zwei Männern und zwei Frauen und machten uns an den langen Anstieg auf den Kalmit, den höchsten Punkt der Strecke. In gleichmäßigem, zügigem Schritt stiegen wir bergan. Im Unterschied zu kürzeren, weniger profilierten Läufen, ist es bei so langen Ultratrails ganz normal, dass man zwischen Laufen und schnellem Gehen abwechselt. Gerade bergauf spart das Energie und ist oftmals auch nicht viel langsamer. Selbst die schnelleren Läufer machen das so. Oben an der Aussichtsterasse angekommen bot sich uns ein herrlicher Blick auf die Lichter der Rheinebene und darüber der Vollmond.

 
...fehlen nur noch die 🐺🐺

Auch bergab blieben wir nun im schnellen Wanderschritt, da die Gefahr zu stürzen auf den schwierigen Wegen viel zu groß war. Nun ging es hinüber zum nächsten Gipfel, der Hohen Loog von da ganz hinunter zum Hambacher Schloss, wo noch einmal eine unbemannte Wasserstation zum Getränkenachfüllen war. Und dann natürlich gleich wieder ganz hinauf zum Nollenkopf. An diesem Anstieg bleiben die zwei Männer hinter uns zurück und Eva und ich kamen alleine oben an. Unten sah man schon die Lichter von Neustadt, wo die nächste Verpflegungsstation auf uns wartete. Das zog sich aber noch ganz schön bis dahin, da der Weinsteig ja nie den direkten Weg zwischen zwei Punkten nimmt, sondern immer alle in der Nähe liegenden Sehenswürdigkeiten mitnimmt.Also musten wir noch einen Schlenker ins Seitental machen, bevor wir dann endlich an die ersten Häuser kamen. Nun noch quer durch die Stadt und endlich, da war sie, VP 4, Josi`s Garage, wo wir schon erwartet wurden. 103,5km waren geschafft.
Der Empfang war herzlich, die Garage gut geheizt, die Auswahl riesig und alles liebevoll angerichtet. Nach einem Teller Suppe, einem Kaffee und Wasserauffüllen, machten wir uns um 01.17 Uhr aber schnell wieder auf den Weg.




VP4, Josi´s Garage in Neustadt, Km103,5

Schwere 25km bis zur nächsten Station in Wachenheim lagen vor uns. Schwer deswegen, weil der Weinbiet sich vor uns auftürmte, mit einem schweren felsigen Anstieg, aber genauso einem schweren, steinigen Abstieg. Außerdem die Nachtstunden zwischen 3 Uhr und dem Hellwerden, wo es immer schwieriger wird gegen die Müdigkeit anzukämpfen. Zuerst genossen wir aber noch die Vollmondnacht und die wunderschöne Aussicht über das schlafende Neustadt. Vor lauter Staunen und Schauen liefen wir prompt an einem Abzweig vorbei und 300m bergab in die falsche Richtung. Zum Glück hat Eva, die den Lauf vorher schon zweimal gefinished hat, aber schnell gemerkt, dass etwas nicht stimmt. Das blieb aber auf der gesamten Strecke der einzige Verlaufer, im Gegensatz zum letzten Jahr, wo ich bei meiner Aufgabe nach 128km, 9km extra hatte.
Wir kamen weiter schön gleichmäßig voran, aber die Müdigkeit machte sich so langsam deutlich bemerkbar. Immer wieder fielen mir die Augen zu und ich musste dagegen ankämpfen nicht einzuschlafen. Der Körper versuchte mit aller Macht sein Ruhebedürfnis durchzusetzen. Zum Glück war es kalt und somit die Verlockung sich an den Wegrand oder auf eine Bank zu legen doch nicht ganz so groß. 25km ohne Verpflegungsstation sind in der Nacht sehr lange. So freuten wir uns sehr, als wir endlich die Burg Wachenheim vor uns sahen. Jetzt noch einen Kilometer und dann den Berg hinunter zur 5. Verpflegungsstation auf dem Campingplatz.
Auch da wieder ein sehr herzlicher Empfang im gut beheizten Zelt. Letztes Jahr musste ich hier aufgeben, frustriert durch die vielen Verlaufer, die soviel Zeit und Kraft gekostet haben, dass mir ein Finish in der Zeit unmöglich schien. Wie anders war es jetzt. 3 Stunden war ich früher hier wie damals. Gut gestärkt machten wir uns nach 15 min auf den Weg. Inzwischen war es hell geworden und wir waren 4 Stunden vor dem Cutoff.


Die Crew von VP 5 in Wachenheim wartet sehnsüchtig, dass endlich mal einer kommt.

Trotz der Helligkeit und dem Kaffee an der VP wollte die Müdigkeit nicht weichen. Der Plan war gewesen, mit der Helligkeit auch wieder in ein etwas schnelleres Laufen zu kommen, die Beine waren aber inzwischen so schwer geworden, dass sich die Muskulatur regelrecht weigerte und ein Laufen motorisch unmöglich war. Eva ging es genauso und so beschlossen wir unbeirrt so schnell es geht weiter zu marschieren.
Bald schon waren wir in Bad Dürkheim, marschierten durch den Ort, wo wir unter den ausgeschlafenen Frühstücks-Einkäufern, glaube ich, ein klägliches Bild abgaben. Auf der anderen Seite mussten wir uns wieder steil den Berg hoch kämpfen, zum Teil über lange Treppen, was inzwischen nicht mehr ganz so geschmeidig ging und eher einem Weinbergschneckenrennen 🐌🐌 glich. Die letzten steilen Rampen hoch auf den Peterskopf schienen endlos, aber inzwischen wurde es immer mehr zur Gewissheit, dass wir es schaffen würden. Und diese Gewissheit gibt die Kraft weiter zu gehen, Schritt für Schritt.


Noch 13km

Zur nächsten Verpflegung in Battenberg bei Kilometer 154 und auch über die unheimlich zähen letzten flachen und asphaltierten 13 km bis zum Ziel. Schritt für Schritt, bloß nicht stehen bleiben, das Wiederanlaufen tat zu weh. An Querstraßen marschierten wir solange entlang, bis kein Auto mehr kam, Schritt für Schritt. An der letzten Verpflegung, 3km vor dem Ziel, die der Bürgermeister von Laumersheim persönlich als Zusatzverpflegungsstelle betreibt, marschierten wir winkend vorbei und riefen nur "Wir können nicht stehen bleiben, sonst schaffen wir´s nicht mehr ins Ziel." Klar hatte der Verständnis.
Über den endlos langen letzten Hügel, hinüber nach Obersülzen zum Ziel, auf die Runde ums Stadion, wo schon unsere Musik spielte. Juchzen, Jubel Freudentränen und da war sie endlich, die Linie: 100 Meilen + x Finito!